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Leseprobe

Gunnar G. Schönherr

 

Schnurremutz & Schnurrigel

 

Eine

saTierische

Geschichte

 

 

 

 

 

 

Dieses Buch wurde komplett in der Bundesrepublik Deutschland hergestellt.

 

Das verwendete EU-Papier ist chlorfrei gebleicht, enthält keine optischen Aufheller, ist säurefrei, alterungsbeständig und FSC-zertifiziert.


Wie alles begann

 

Wenn Menschen an Einsamkeit leiden, ist die Anschaffung eines Haustieres oft eine gute Entschei­dung. Plötzlich ist wieder jemand da, um den man sich kümmern kann und muss. So bekommt das Leben wieder einen neuen Sinn. Daher unterstütze ich grundsätzlich die Haustierhaltung. Nur nicht gerade bei mir. Ich fühle mich nämlich überhaupt nicht einsam.

 

„Ich will einen Hund“, sagte meine Lebensgefährtin beim Frühstück. Mir schwante Unheil. Ein Hund! Das hieße für mich Gassi gehen, mindestens zwei Mal am Tag. Auf die Besitzerin in spe war in dieser Hinsicht garantiert kein Verlass.

„Wozu brauchst du einen Hund?“, wagte ich zu fragen und bereute dies sofort.

„Dann hätte ich jemanden, der mich versteht und mit mir schmust.“ Das ging eindeutig an meine Adresse. Spontan vermutete ich, dass mit Verstehen eigentlich Gehorchen gemeint war, das mit dem Schmusen konnte ich nicht so recht nachvollziehen. Aber ich war nicht so dumm, diese Gedanken preiszugeben.

 

Daher änderte ich meine Strategie: „Mir kommt kein Hund ins Haus! Wer soll denn mit dem Tier rausgehen, wenn ich auf Reisen bin?“ Auch nicht das perfekte Argument. Gewiss würde sie mit dem Hund spazieren gehen, mehrmals täglich, auch bei Wind und Wetter. Selbst Schneestürme würden sie nicht von dieser Pflicht abbringen können. Ich wusste natürlich, dass dies stimmte.

 

Allerdings war mir sonnenklar, dass dieser Eifer nicht lange anhalten würde. Spätestens nach vier Wochen wäre die erste Begeisterung verflogen und wir hatten gerade Ende April. Ich rechnete schnell: Die Beschaffung des Tieres könnte gut einen Monat in Anspruch nehmen, bis wir ein geeignetes gefunden hätten. Dann wäre fast schon Juni. Der Juni ist eine ideale Zeit für Hundespaziergänge. Bereits angenehm warm, aber noch nicht zu heiß.

Für mich bedeutete dies, dass ich etwa ab Anfang Juli die Verantwortung für das Tier übertragen bekäme. Die größte Hitze des Jahres läge dann vor mir. Natürlich käme dann der mildere Herbst, danach jedoch der Winter, möglicherweise mit Eis und Schnee. Keine besonders gute Perspektive.

Ich versuchte meine Ablehnung in deutlichere Worte zu fassen: „Wir haben keinen vernünftigen Platz, um einen Hund unterzubringen. Oder soll das Tier in die Wohnung? Das gibt doch eine Menge Dreck!“

Das mit dem Dreck war ein kluger Schachzug, denn gegen sichtbaren Schmutz ist meine Lebensgefährtin quasi allergisch. Doch auch diese Anspielung half nichts. „Wir werden schon ein Plätzchen finden, ich will ja nur einen ganz kleinen Hund!“

Kleiner Hund, großer Hund, als ob da ein Unterschied wäre! Die Tiere müssen ausgeführt werden. So blieb mir nur noch die Schröder-Methode: „Ich will keinen Hund – basta!“

 

Das hätte ich nicht sagen dürfen. So herzlos geht man nicht mit der Lebensgefährtin um. Spontan schossen ihr die Tränen in die Augen und ich hatte meine liebe Not, sie wieder zu beruhigen. Anfangs wollte es mir allerdings nicht gelingen.

 

Jeder wird nun verstehen, dass mir unter diesen Umständen dann der unverzeihliche Fehler unterlief: „Eine Katze, vielleicht könnten wir ja eine Katze halten?“ Dieser dumme, ja blödsinnige Satz zeigte sofort Wirkung. Der Tränenstrom ließ augenblicklich nach. „Eine Katze?“ Sie lächelte bereits wieder. Ja, sie habe schon mal mit einer Perserkatze geliebäugelt, wunderschöne Tiere! Ja eine Katze würde zur Not auch gehen.

Ich hätte mich ohrfeigen können! Wie kann man nur so dämlich sein! Eine Katze, ich hatte klar und deutlich gesagt, vielleicht könnten wir eine Katze halten. Das vielleicht hatte ich Gott sei Dank noch instinktiv in den Satz eingeflochten, aber - das wusste ich schon genau - würde mir kaum helfen.

Das Thema Haustierhaltung war damit praktisch einvernehmlich zu meinen Ungunsten geregelt. Ein paar matte Ausflüchte waren das Einzige, was ich noch vorbringen konnte. Leider kennt sie mich bereits gut genug, um zu wissen, dass ich mein Wort nicht brechen würde.

 

Ohne weitere Zeit zu verlieren, schlug sie bereits im Anzeigenblatt die Rubrik „Tiermarkt“ auf. „Hier schau“, sagte sie: „Da hat jemand 2 junge Perserkätzchen abzugeben, es ist sogar ein Bild dabei – sind die nicht süüüß!“ jubelte sie. Ich dachte gründlich nach: Jawohl, das Wort „Katze“ war mit entfleucht; aber ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, auch nur andeutungsweise etwas von „Rasse“ gesagt zu haben.

 

Eine scharfe Erwiderung wollte ich jedoch in der jetzigen Situation nicht riskieren. Also fragte ich listig: „Was soll so ein Tierchen denn kosten?“ „Ach, die sind nicht so teuer“ beruhigte sie mich und griff unverzüglich zum Telefonhörer. Natürlich konnte ich nicht verstehen, was am anderen Ende der Leitung gesagt wurde, aber ihrem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass „nicht so teuer“ augenscheinlich unzutreffend war. Nachdem sie aufgelegt hatte war sie etwas aufgebracht: „Vierhundert Euro, die wollen doch glatt vierhundert Euro!“

 

Ich schwieg erst mal, brachte mich aber in höchste Bereitschaft, in dieser Wunde unbarmherzig nachzustochern. Denn auch ich kenne meine Gefährtin.

„Na ja,“ erklärte sie schließlich, „es handelt sich ja um eine langfristige Anschaffung, da kann man schon mal etwas mehr ausgeben.“ Damit hatte ich gerechnet: „Du bist ja nicht bei Sinnen!“ sagte ich in aller Härte: „Woher willst Du vierhundert Euro nehmen? Dein Auto ist noch nicht abbezahlt, die Scheidungskosten fressen dir die Haare vom Kopf und Dein Konto ist permanent im Minus!“

Diese Argumentation zeigte Wirkung. Sie hatte fraglos keine vierhundert Euro parat und ich würde nichts herausrücken, das war ihr klar. Schon glitzerten wieder erste Tränen in ihren Augenwinkeln.

Schnell versuchte ich, Schlimmeres zu verhindern: „Weshalb muss es denn unbedingt ein Rassetier sein?“ fragte ich scheinheilig: „Eine ganz normale Hauskatze tut’s doch auch! Die bekommst du an jeder Straßenecke geschenkt und die Leute sind dabei auch noch froh, wenn ihr Katzen-Nachwuchs ein gutes Zuhause findet.“

„Ich will aber keine Feld-, Wald- und Wiesenkatze!“ warf sie ein: „Davon laufen doch bereits genug durch die Gegend!“ Ein Argument, das ich nur schwerlich widerlegen konnte. Ich selbst hatte immer geklagt, dass im Garten zu viele Katzen ihr Geschäft verrichteten.

Aber ich konnte den Unterschied nicht ausmachen. Waren Rassekatzen in dieser Hinsicht etwa anders? Von Katzenklos hatte ich ja schon gehört und vielleicht waren Rassekatzen ja eingefleischte Katzenklo-Fans.

Allerdings hütete ich mich, diese Sache zur Sprache zu bringen, weil ich einfach zu wenig Ahnung hatte. Denn meine Lebensgefährtin neigt dazu, meine Wissenslücken mit ihren Weisheiten umfassend zu schließen. Dabei macht sie keine gravierenden Unterschiede zwischen „echten Kenntnissen“ und „originellen Spontan-Einfällen“.

Wenn ich also nicht gezwungen sein wollte, mich tief in Fachliteratur zu vergraben, um ihre Aussagen gegebenenfalls widerlegen zu können, war es eindeutig besser, einfach den Mund zu halten.

„Nun ja,“ sagte ich schließlich zögerlich: „vielleicht gibt es noch bessere Angebote, man muss ja nicht das erstbeste Tier nehmen.“

Leider hat meine Gefährtin einen weiteren Wesenszug, mit dem ich nicht besonders gut klarkomme: Wenn sie etwas will, dann will sie es jetzt und gleich und nicht erst morgen oder übermorgen.

Ich startete ein Ablenkungsmanöver: „Vielleicht kannst du die „Sperrmüll-Zeitung“ besorgen, da werden auch jede Menge Tiere angeboten.“ Ihr Gesicht hellte sich auf.

Innerhalb von fünf Minuten hatte sie das Haus verlassen, um es kurze Zeit später mit der Zeitung wieder zu betreten.  Insgesamt eine Zeitspanne, die sie ansonsten für unerklärliche Vorbereitungen benötigt, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen wollen.

 

Das Studium der Zeitung versetzte sie bald in helles Entzücken. Tatsächlich gab es eine große Auswahl an Katzen in Rassen, von denen ich noch nie im Leben gehört hatte. Abessinier, Balinese, Bengal, Korat, Manx, Maine Coon und viele, viele andere. Ich kannte bestenfalls „Bengalisches Feuer“, das hat aber meines Wissens rein gar nichts mit Katzen zu tun.

 

Bisher war mir das auch ziemlich egal gewesen, doch nun sah ich mich genötigt, in die Materie einzusteigen. Immerhin, so glaubte ich, würde ich dadurch etwas Zeit gewinnen. Meine Angebetete konnte unmöglich von mir verlangen, dass ich die Katze im Sack nehme! Wenigstens eine schwache Vorstellung wollte ich schon davon haben, mit was für einem Tier ich in Zukunft zusammenwohnen werde.

 

Als nach zwei, drei weiteren Anrufen klar war, dass alle Rassekatzen ihren Preis haben, lenkte mein Schatz tatsächlich ein:

„Am besten, wir beschaffen uns ein Katzenbuch, um nähere Informationen über Charakter und Eigenschaften der einzelnen Rassen zu bekommen.“

Angst stieg in mir hoch. Wie lange würde es dauern, bis das Buch vor mir auf dem Tisch lag? Zehn Minuten? Oder fünfzehn? Ich gestehe, ich hatte überhaupt keine Lust, mich am helllichten Vormittag in ein Buch zu vertiefen, nur um wahrscheinlich noch am selben Tage irgendwo auf der Welt ein Tier abzuholen und viel Geld dafür zu bezahlen. Ich musste Zeit schinden: „Einverstanden“, sagte ich daher leichthin: „Du besorgst das Buch und heute Abend schauen es wir uns in Ruhe gemeinsam an.“

Nun schaute sie mich in Ruhe an. Ich bemühte mich um eine Miene, die Selbstbewusstsein und einen starken Willen ausstrahlte. Es schien mir zu gelingen! „Also gut“, sagte sie schließlich, klimperte mit dem Autoschlüssel und ward blitzschnell verschwunden.

Seufzend zog ich die Zeitung über den Tisch und begann nun meinerseits das Blatt zu studieren. „Süsse, kleine Kätzchen kostenlos anzugeben“ war das erste Inserat, das mir zwangsläufig ins Auge stach. Keine Chance, da brauchte ich mir nichts vorzumachen.

Doch plötzlich stockte mir der Atem. „Maine Coon-Mischlinge, dreißig bis fünfzig Euro das Stück“. Mischlinge! Das wär’s! Darauf konnte ich sie vielleicht herunterhandeln! Dreißig Euro – bezahlbar! Und darüber hinaus, zumindest nach der Telefon-Nummer zu urteilen, ganz in der Nähe. Hmmm. Das musste ich geschickt einfädeln!

Als der Abend herannahte, verspürte ich immer noch nicht die geringste Lust, mich mit einem Katzenbuch zu befassen. Aber versprochen ist versprochen und außerdem hatte ich ja inzwischen einen Plan. Also heuchelte ich reges Interesse an den drei Büchern, die nun zu dem Thema auf dem Tisch lagen.

 

Als erstes griff ich mir den Band „Katzen – Haltung, Ernährung, Pflege, Rassen“. Interessiert nahm ich zur Kenntnis, dass alle Katzen Säugetiere sind (hatte ich allerdings bereits vermutet). Dann wurde es jedoch spannend: ich erfuhr, dass bereits vor 50 Millionen Jahren die Miaciden, Vorfahren unserer heutigen Katzen, zum ersten Mal auftraten, das interessierte mich nunmehr sehr. Und so kam es, dass ich das Buch nicht nur oberflächlich durchblätterte – wie eigentlich geplant – sondern das eine oder andere Kapitel aufmerksam studierte.

So erfuhr ich allerhand über die Herkunft der unterschiedlichen Rassen, ihre Eigenheiten, ihre Schwächen und ihre Stärken. Besonders interessierte mich natürlich die Maine Coon. Ich erfuhr, dass sie ein sanftes Wesen besitzt und trotz ihrer Größe eine leise und unaufdringliche Stimme ihr eigen nennt. Das hörte sich doch gar nicht so schlecht an!

 

Sehr interessant klang auch der Hinweis, dass Kater einen erheblich größeren Umkreis unsicher machen und bezüglich der Heimkehr unzuverlässiger sind. Insgeheim fasste ich einen selbstherrlichen Entschluss. Eine Miez sollte es werden, ein braves Tier, das sich möglichst nur im eigenen Garten aufhält und pünktlich zu den Mahlzeiten erscheint.

Auch meine Lebensgefährtin hatte sich ein Buch gegriffen, ich glaube, es hieß „Katzenkinder entdecken die Welt“. Immer wieder stieß sie spitze Schreie aus und wollte mich in ihr literarisches Erlebnis einbinden. „Schau mal,“ sagte sie immer wieder: „Sind die nicht putzig!“ und hielt mir dabei ihr Buch unter die Nase.  Das ist fraglos störend, wenn man selbst gerade beim Lesen ist.

„Ja, wunderbar“, erwiderte ich und versuchte, ihr Buch beiseite zu schieben. „Und hier, schau nur, wie süüüß!“ Sie deutete auf ein Bild, auf dem sich ein fetter Kater auf einem Korbstuhl räkelt und sich ein kleineres Tier, mutmaßlich eine Katze, wohlig an ihn schmiegte. „Ja, schön“, brummte ich und versuchte erneut, mir freie Sicht auf mein Buch zu verschaffen. Doch dann blieb mein Blick beim „Katzenkinder-Ratespiel“ hängen. Unmittelbar nebeneinander waren eine Perserkatze und eine Maine Coon abgebildet. Die Perser wirkte aufgeplustert, mit einem fast bösartigen Blick. Daneben die Coon mit ihrem Fellkragen, aufmerksam blickend und fast majestätisch wirkend.

Ich las die Texte: Die Perser wurde als Langhaarkatze mit äußerst pflegeaufwendigem Fell und als extrem überzüchtet beschrieben. Die Coon dagegen als Halblanghaarkatze, bewegungsfreudig, freundlich und als eine absolute Trendrasse. Wenn das kein fristgerechter Wink des Himmels war!

 

Nun war ich derjenige, der aufgeregt auf das Buch deutete. „Lies mal das!“ sagte ich im Befehlston: „Du willst doch unbedingt eine Perserkatze; und schau dir das Vieh doch mal an!“ Ich hatte Glück. Meine Angebetete folgte der Aufforderung, was sie in der Regel nicht ohne weiteres tut. Rückblickend kann ich jedoch sagen, dass mich dieses spezielle Verhalten meiner Gefährtin optimal auf das Zusammenleben mit einer Katze vorbereitet hat.

 

„Was hältst du denn von der Maine Coon?“ fragte ich listig. Aufmerksam schaute sie sich das Bild an und las den dazugehörigen Text. Sie schien nachdenklich. Innerlich atmete ich bereits auf. Ich hatte soeben den Grundstein für meinen hübschen Plan platziert! Jetzt hieß es ‚abwarten und Tee trinken’ und vor allem das richtige Verhalten an den Tag zu legen. Das bedeutete, vor allem jetzt nicht Nachbohren, sondern Gleichgültigkeit demonstrieren. Ich schob ihr Buch und auch das meine zur Seite und wandte mich dem Fernsehgerät zu. Es war Zeit für die Tagesschau mit dem Wetterbericht...

 

 

...wie es weitergeht, erfahren Sie im Buch!

 

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